Nordkaptour 2000 - Tourenbericht Teil 2 |
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Das Nordkap und somit auch das grosse Ziel war in etwas über 6 Wochen erreicht. Die Entscheidung ob ich nun auch wieder zurückradeln oder etwa das Flugzeug nehmen würde, bahnte sich schon während den letzten Tagen an. Eigentlich hatte ich eine Route durch Finnland und Südschweden als Option bereits zu Hause ausgearbeitet. Doch es sollte alles ganz anders kommen. Auf meiner Fahrt zum Nordkap traf ich in Alta die Familie Eriksen, diese legte mir äusserst engagiert und überzeugend nahe, dass ich über die norwegischen Fjorde und nicht über das eintönige Finnland zurückfahren sollte. Ich warf spontan meine Option über den Haufen und legte mir einen neuen Kartensatz zu. Herr Eriksen, welcher als Busfahrer arbeitet, gab mir ausserdem sehr wertvolle Tips und half mir meine neue Route zu planen.
Bevor es dann vom Nordkap wieder auf die Rückfahrt ging, legte ich noch einen Zwischenstop bei Anne und Ole, welche auf einer kleinen, trolligen Insel namens Trollholmen, wohnen, ein. Matthias hatte mir vor meiner Abfahrt von ihrer Gastfreundschaft vorgeschwärmt und dabei nicht übertrieben.
Russland
Zur gleichen Zeit als ich mich vom Nordkap aus nach Kirkenes aufmachte, waren
im benachbarten Murmansk die Bergungsarbeiten an dem gesunkenen russischen
U-Boot in vollem Gange. Leider durfte ich die russische Grenze aber nicht
passieren, da ich nur meinen Personalausweis und kein Visum dabei hatte.
Wendepunkt
Von Kirkenes aus führte mich mein Weg mit der Hurtigruten, eine ehemalige
Postschiffverbindung, um das Nordkap herum nach Tromsö. Auf dem Schiff machte
ich die Bekanntschaft mit einem Amerikaner, der im Moment in Kirkenes lebt
und seinen Geldbeutel verloren hatte. Er war aber zuversichtlich, dass er ihn
wiederbekommen würde. Denn als er vor kurzem sein Handy verlegt hatte und es
daraufhin anrief, nahm bereits die Polizei den Anruf entgegen. Genauso wie er
war auch ich von der geringen Kriminalitätsrate ausserhalb der Grossstädte
fasziniert. Deshalb ist es vollkommen normal, wenn man eine nicht
verschlossene Haustüre antrifft.
Obwohl die Schifffahrt entlang den Fjorden ein ganz anderes, reizendes
Panorama bot, war ich froh, dass ich das Schiff nach eineinhalb Tagen wieder
verlassen konnte. Denn die zumeist deutschen Reisegesellschaften verhielten
sich teilweise so arrogant gegenüber den Einheimischen, dass man es nicht mit
anschauen konnte. Dabei sind auch die Nord-Norweger überaus zuvorkommend und
freundlich gegenüber den deutschen Gästen, was keine Selbstverständlichkeit
sein muss, denn die Deutsche Wehrmacht brannte während ihres Rückzuges am
Ende des 2. Weltkrieges alle Städte, Dörfer und Häuser in Finnmark bis auf 3
Kirchen nieder. Dies entspricht einer Fläche, die 1,5 mal so gross wie
Baden-Württemberg ist. Man kann deshalb sehr gut nachvollziehen, wenn v.a.
die Skandinavier sehr empfindlich auf rechtsradikale Ausschreitungen in
Deutschland reagieren. Über diese Greueltaten wurde u.a. in Hammerfest ein
sehr interessantes und mit neuen Medien gestaltetes Museum ("Aus der Asche")
eingerichtet.
Lofoten
Von Tromsö ging es dann immer entlang der zerklüfteten Küste wieder per Rad
gen Süden. In der Nacht vom 1. auf den 2. Sept. erhielten die ca. 800m hohen
Berggipfel ihren ersten Zuckerguss aus Neuschnee, was mir ein wunderschönes
Frühstückspanorama bot. Dies signalisierte mir aber auch, dass ich mich doch
ein bisschen mit der Heimreise beeilen sollte. Zuerst waren aber die
bekannten Lofoten an der Reihe. Bei stahlblauem Himmel machten sie ihrem Ruf
alle Ehre. Die Berge, die direkt aus dem Meer bis auf 1000m emporsteigen,
bieten ein einmaliges Panorama. Und wenn am Abend das Ende der "Strasse des
Königs Olav" im Ort Å erreicht ist, die Sonne im Atlantik versinkt und
man in der Nacht die ersten Nordlichter seines Lebens beobachten kann, dann
ist dies mal wieder ein herrliches Erlebnis, das Mut und Kraft für neue Taten
gibt.
Die nachfolgenden Tage auf dem Festland wurden aber leider durch ein
kräftiges Tiefdruckgebiet, das in den Fjorden hängenblieb, getrübt. Da ich eh
etwas spät dran war, entschied ich mich von Mo i Rana (am Polarkreis) bis
Trondheim den Zug zu nehmen. Und wie es der Zufall so wollte, traf ich im Zug
Björn aus Trondheim. Er war von meinem Unternehmen so begeistert, dass er
mich einlud die nächste Nacht bei ihm im Studentenwohnheim zu verbringen. Die
Glückssträhne war damit aber noch nicht beendet. Denn während der
Stadtbesichtigung von Trondheim luden mich 2 Versicherungsangestellte in ihr
Büro ein. Wir kamen sofort gut ins Gespräch und im Nu gesellten sich ein paar
ihrer Kollegen dazu. Zusammen planten wir meine Route bis nach Stockholm,
welche zu diesem Zeitpunkt noch offen stand. Desweiteren organisierten sie
für mich eine kostenlose Fahrt in einem Lieferwagen bis nach Röros. Somit
hatte ich mit Hilfe der Norweger innerhalb von nur zwei Tagen einen enormen
Sprung in den Süden gemacht. Das Wetter zeigte sich nun auch wieder von
seiner Sonnenseite, und der goldgelbe Mischwald glänzte im "Indian Summer".
Südschweden
Auf dem wahrscheinlich "breitesten Radweg der Welt", dem Kopparleden
(=Kupferweg), steuerte ich zielstrebig Stockholm, die zweite Hauptstadt auf
meiner Tour, an. Stockholm ist zwar eine sehr schön erhaltene Stadt, aber
nach 9 Wochen war ich den Grossstadttrubel nicht mehr gewöhnt. Deshalb war
ich wieder froh, als ich die langgezogenen Vororte hinter mir hatte.
Mittlerweile war es bereits Mitte September und dies hatte eine extreme
Differenz zwischen den Tages- und Nachttemperaturen zur Folge. Desöfteren
gefror mein Zelt in der Nacht ein und bereits am Mittag schmachtete ich an
einem See in der Sonne. Auf dem Weg nach Kopenhagen, der dritten und letzten
Hauptstadt, kam ich auch durch Vimmerby und Lönneberga. Wobei das Letztere
nur ein kleines, nettes, verschlafenes Örtchen ist.
So langsam aber sicher neigte sich meine "open-end" Nordkaptour 2000 dem Ende
zu. Am 29. Sept. erreichte ich nach exakt 7240km Rostock. Am darauffolgenden
Tag "brauste" ich in 20 ½ h mit dem Wochenendticket nach Reutlingen und nach
genau einem Vierteljahr erreichte ich am frühen Sonntag morgen mein Zuause
im heimischen Pfullingen.
Ich hoffe, dass ich mit diesem Bericht wenigstens einen kleinen Einblick in
eine ganz andere Sichtweise des Lebens geben konnte, und den Einen oder
Anderen ermutigt habe es auf seine ganz individuelle Art und Weise
nachzuahmen. Mein ganz besonderer Dank gilt meinen Eltern und vor allem
meinem Bruder Jörg, der mich vor, während und nach meiner Tour tatkräftig
unterstützt hat.
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last modification Wednesday, 08-Jan-2003 17:09:31 CET.
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